
Neue Führungsrolle
Vom Kollegen zur Führungskraft: die ersten Wochen als Stationsleitung im eigenen Team
Für viele Pflegefachkräfte wird der Wechsel vom Kollegen zur Führungskraft in einer gewöhnlichen Frühdienstübergabe sichtbar. Wer bis zur Vorwoche als Kollegin mit am Tisch saß, sitzt heute als neue Stationsleitung am selben Tisch. Eine Kollegin fragt halb im Scherz, ob man jetzt noch normal miteinander reden dürfe. Die Freundin, mit der man seit Jahren Wochenenden tauscht, schaut auf ihr Handy. Nach der Übergabe kommt die erste Bitte um einen freien Samstag, vorgetragen im vertrauten Ton von früher.
So oder ähnlich beginnt für viele die Leitung des eigenen Teams. Wer aus dem Team aufsteigt, muss die Beziehung zu den früheren Kolleginnen und Kollegen in den ersten Wochen ausdrücklich neu ordnen, und die erste echte Probe dafür ist der erste eigene Dienstplan. Dieser Beitrag richtet sich an neue Stationsleitungen, Bereichsleitungen und Stellvertretungen, sein letzter Abschnitt an Pflegedirektionen.
Was sich ab dem ersten Tag als Führungskraft auf Station ändert
Bis gestern waren Sie gleichrangiger Teil des Teams. Ab dem ersten Tag als Leitung stehen Sie auf dem Präsentierteller. Das Team beobachtet genau, wie Sie entscheiden, mit wem Sie in die Pause gehen und wessen Wunsch Sie zuerst erfüllen. Manches aus Personalgesprächen dürfen Sie nicht mehr weitergeben, und das private Handy klingelt jetzt auch vor Dienstbeginn, wenn jemand ausfällt.
Freundschaften im Team bleiben möglich. Sie bekommen aber eine Grenze, weil Sie irgendwann einer Freundin einen Wunschdienst verweigern oder ein Kritikgespräch mit ihr führen werden. Wenn Sie diese Verschiebung selbst aussprechen, kann sich das Team daran orientieren. Wenn Sie schweigen, deutet jede Kollegin Ihr Verhalten auf ihre eigene Weise, und aus alten Freundschaften wird schnell ein Verdacht auf Bevorzugung.
Hinter diesen Veränderungen steht die Frage, ob man noch Kollegin ist oder schon Führungskraft. Spätestens beim ersten Dienstplan verlangt die Rolle eine Antwort.
Der erste eigene Dienstplan als Bewährungsprobe
Am ersten eigenen Dienstplan liest das Team ab, welche alten Absprachen auf der Station noch gelten. Wer Kinder hat, bekommt an Weihnachten frei, die Freundinnen tauschen Wochenenden unter sich, und es springen immer dieselben ein. Solche Absprachen stehen nirgends und prägen den Stationsalltag trotzdem, wie unser Beitrag zu ungeschriebenen Regeln im Team zeigt.
Als Kollegin waren Sie Teil dieser Regeln. Als Leitung entscheiden Sie, welche davon weiter gelten, und die erste Ausnahme für eine Freundin bemerkt das Team sofort. Sammeln Sie die alten Absprachen deshalb vor dem ersten Plan offen, und klären Sie mit dem Team, nach welchen Regeln Sie künftig planen.
| Alte Absprache im Team | Was Sie vor dem ersten Plan klären |
|---|---|
| Wunschfrei auf Zuruf, wer zuerst fragt, bekommt den Tag | wie viele Wünsche pro Monat gelten, bis wann sie eingetragen werden und wer bei Überschneidungen Vorrang hat |
| Wochenenden tauschen die Freundinnen unter sich | welche Tausche das Team selbst regelt und welche Ihre Zustimmung brauchen |
| An Feiertagen haben Kolleginnen mit Kindern Vorrang | ob die Regel weiter gilt und wie Sie Kolleginnen ohne Kinder ausgleichen |
| Es springen immer dieselben ein | ob es eine Reihenfolge für das Einspringen gibt und wie Sie es ausgleichen |
| Die eigenen Dienste tauschen Sie wie bisher mit Ihren Freundinnen | dass Sie sich selbst nach denselben Regeln einplanen und das im Team auch sagen |
Für den ersten Plan genügt es, die wichtigsten Regeln zu klären. Jede Kollegin sollte aber die Regel hinter Ihrer Entscheidung kennen. Wenn Sie eine Bitte ablehnen, nennen Sie Grund und Regel, auch gegenüber der Freundin. Wer im Team über die Regeln mitentscheiden durfte, trägt sie später eher mit.
Leiten mit halber Stelle am Bett, wenn die Freistellung fehlt
Nicht jede neue Stationsleitung ist für ihre Leitungsaufgaben ganz freigestellt. Wer an mehreren Tagen der Woche selbst Patientinnen und Patienten versorgt, ist in diesen Diensten Kollegin und Leitung zugleich. Dienstplan, Mitarbeitergespräche und Abstimmungen mit dem ärztlichen Dienst wandern dann in die Zeit nach Dienstschluss, und das Team weiß nicht, welche Rolle gerade gilt.
Legen Sie deshalb feste Leitungszeiten in den Dienstplan, die nicht für die Versorgung verplant werden. Sagen Sie dem Team, in welchem Dienst Sie in welcher Rolle ansprechbar sind. Und klären Sie mit der Pflegedirektion, welcher Anteil Ihrer Arbeitszeit für Leitung vorgesehen ist und was Vorrang hat, wenn Versorgung und Leitungsaufgaben kollidieren.
Wie die Zahl der direkt geführten Mitarbeitenden auf Pflegeleitungen im Krankenhaus wirkt, hat eine integrative Übersichtsarbeit von Boned-Galán und Kolleginnen (2023) anhand von 21 Studien untersucht. In mehreren davon gingen große Leitungsspannen mit Überlastung und geringerer Arbeitszufriedenheit der Leitungen einher, in einer auch mit der Absicht, die Leitungsstelle aufzugeben. Eine ideale Spanne nennt die Arbeit nicht. Lässt die Struktur Ihrer Station Führung kaum zu, gehört das in das Gespräch mit der Pflegedirektion. Was dauernde Überlastung mit Leitungen macht, beschreibt unser Beitrag zu Erschöpfung und Burnout bei Führungskräften im Krankenhaus.
Die drei Gespräche der ersten Wochen
Die neue Rolle wird für alle greifbar, wenn Sie sie aussprechen. Drei Gespräche gehören deshalb in die ersten Wochen auf Station. Die Fragen und Punkte darunter passen Sie an Ihr Team an.
Mit der Pflegedirektion
Die Pflegedirektion hat Sie ausgewählt und erwartet etwas von Ihnen, das oft unausgesprochen bleibt. Klären Sie im ersten Monat vor allem diese Fragen.
- Woran wird nach einem halben Jahr gemessen, ob Sie in der Rolle angekommen sind?
- Was entscheiden Sie allein, etwa bei Dienstplan, Urlaub und Einstellungen, und wo brauchen Sie Zustimmung?
- Wie viel Arbeitszeit ist für Leitung vorgesehen, und wann beginnt Ihre Weiterbildung?
- Was gilt, wenn eine Anweisung aus dem ärztlichen Dienst einer Absprache mit der Pflegedirektion widerspricht?
Mit dem Team
Sprechen Sie den Wechsel in den ersten zwei Wochen in einer Teambesprechung ausdrücklich an, auch dass die neue Rolle für alle ungewohnt ist. Danach helfen diese Punkte.
- was bleibt und was Sie in den ersten Monaten verändern wollen,
- nach welchen Regeln Sie den Dienstplan erstellen und wie das Team daran mitwirkt,
- wann und auf welchem Weg Sie als Leitung ansprechbar sind,
- was Sie vom Team erwarten und was das Team von Ihnen braucht.
Hören Sie beim letzten Punkt zu, ohne die Antworten gleich zu bewerten, und kommen Sie in der nächsten Besprechung darauf zurück.
Mit den Menschen, denen der Wechsel am schwersten fällt
Für manche ist Ihr Aufstieg besonders schwer, etwa für die Kollegin, die sich selbst auf die Stelle beworben hatte, für die enge Freundin oder für die erfahrene Pflegefachkraft, die die Station seit Jahren mitträgt. Sprechen Sie mit ihnen einzeln und früh, bevor der erste Konflikt kommt.
- Sprechen Sie an, dass sich zwischen Ihnen etwas verändert hat.
- Fragen Sie, was die Person jetzt braucht, und sagen Sie, was Sie von ihr brauchen, etwa ihre Erfahrung bei der Einarbeitung.
- Vereinbaren Sie, Meinungsverschiedenheiten zuerst unter vier Augen zu klären, bevor sie vor das Team kommen.
Wie Kritik klar bleibt und die Beziehung trotzdem hält, üben Leitungen in unserem Training zu Feedback- und Kritikgesprächen.
Ältere und erfahrene Kolleginnen führen
Kolleginnen und Kollegen, die länger auf der Station arbeiten als Sie, testen in den ersten Wochen oft, ob die neue Leitung hält, was sie ankündigt. Andere ziehen sich zurück und warten ab. Erfahrene Kolleginnen wissen manches besser als Sie, und das dürfen sie auch. Ihre Aufgabe als Leitung ist, zu entscheiden und dafür einzustehen. Fragen Sie sie deshalb ausdrücklich um Rat, etwa bei der Einarbeitung oder bei fachlichen Standards, übertragen Sie ihnen sichtbare Verantwortung, und erklären Sie danach Ihre Entscheidung.
Wird aus Erfahrung Widerstand, etwa wenn Absprachen in der Übergabe vor allen infrage gestellt werden, hilft ein frühes Gespräch unter vier Augen mit konkreten Beispielen und einer klaren Erwartung. Viele Leitungen schieben dieses Gespräch auf, weil sie die Kollegin im Dienstplan brauchen. Unser Beitrag zum Kulturwandel im eigenen Bereich beschreibt diese Konfliktvermeidung als den häufigsten Fehler von Leitungen, die etwas verändern wollen.
Was Sie sich holen können, bevor die Weiterbildung beginnt
Für die Leitung einer Station gibt es eine geregelte Weiterbildung. Nach der Empfehlung der Deutschen Krankenhausgesellschaft vom 10.09.2024, die in Bundesländern ohne eigene Regelung als Muster dient, läuft sie berufsbegleitend über höchstens vier Jahre. Sie umfasst mindestens 720 Unterrichtsstunden Theorie und mindestens 80 Stunden Hospitation. Wer die Leitung vor Kursbeginn übernimmt, führt die ersten Monate ohne dieses Handwerkszeug. Drei Dinge können Sie sich bis dahin holen.
- Einen regelmäßigen Austausch mit einer erfahrenen Stationsleitung aus einem anderen Bereich Ihres Hauses.
- Eine feste Gruppe mit anderen neuen Leitungen, in der Sie Situationen aus dem Alltag besprechen. In unseren Programmen zur Führungskräfteentwicklung im Krankenhaus entsteht in dieser kollegialen Beratung oft der stärkste Effekt, weil Leitungen merken, dass andere dieselbe Überforderung erleben.
- Ein Einzelcoaching in den ersten Monaten, in dem Sie die Gespräche und den ersten Dienstplan vorbereiten und danach auswerten. Wie das abläuft, beschreibt unsere Seite zum Führungskräfte-Coaching für Leitungen im Krankenhaus.
Für mehrere neue Leitungen eines Hauses bieten wir außerdem unser Seminar Neu in der Leitungsrolle an.
Leitung und Stellvertretung als Tandem
Für die Stellvertretung ist die Rolle oft ein schwieriger Balanceakt zwischen großer Nähe zum Team und eigener Führungsaufgabe. Manchmal hatte sie sich selbst auf Ihre Stelle beworben. Klären Sie deshalb früh, wer was entscheidet, wie Sie sich im Stationsalltag kurz abstimmen und dass Sie Meinungsverschiedenheiten unter sich besprechen, bevor Sie vor das Team treten. Dann erlebt das Team Leitung und Stellvertretung wie aus einem Guss, und die Stellvertretung führt die Station in Ihrer Abwesenheit ohne Bruch weiter. Wie Tandems das erarbeiten, zeigt unser Training Führen im Tandem.
Symbolbild: Unsplash
Häufige Fragen
Wie gelingt der Wechsel vom Kollegen zur Führungskraft auf Station?
Der Wechsel gelingt leichter, wenn Sie die neue Rolle in den ersten Wochen ausdrücklich ansprechen. Dazu gehören drei Gespräche, eines mit der Pflegedirektion über Befugnisse und Leitungszeit, eines mit dem Team über das, was bleibt und was sich ändert, und einzelne mit den Menschen, denen der Wechsel am schwersten fällt. Die erste echte Probe ist der erste eigene Dienstplan. Klären Sie vorher mit dem Team, nach welchen Regeln Sie Wunschfrei, Wochenenden und Einspringen planen, und planen Sie sich selbst nach denselben Regeln ein.
Kann ich als Stationsleitung mit Kolleginnen befreundet bleiben?
Ja, Freundschaften im Team bleiben möglich. Sie bekommen aber eine Grenze, weil Sie als Leitung irgendwann auch einer Freundin einen Wunschdienst verweigern oder ein Kritikgespräch mit ihr führen werden. Sprechen Sie diese Verschiebung selbst an, und nennen Sie auch der Freundin Grund und Regel, wenn Sie eine Bitte ablehnen. Die erste Ausnahme für eine Freundin bemerkt das Team sofort.
Wie führe ich als neue Stationsleitung ältere und erfahrene Kolleginnen?
Erfahrene Kolleginnen wissen manches besser als die neue Leitung, und das dürfen sie auch. Fragen Sie sie ausdrücklich um Rat, etwa bei der Einarbeitung oder bei fachlichen Standards, übertragen Sie ihnen sichtbare Verantwortung, und erklären Sie danach Ihre Entscheidung. Wird aus Erfahrung Widerstand, hilft ein frühes Gespräch unter vier Augen mit konkreten Beispielen und einer klaren Erwartung.
Wie kann die Pflegedirektion neue Stationsleitungen unterstützen?
Grundlage sind klare Befugnisse, feste Leitungszeit im Dienstplan und ein früher Platz in der Weiterbildung zur Leitung einer Station. Dazu kommt eine Begleitung in den ersten Monaten, etwa ein Coaching, in dem die neue Leitung die ersten Gespräche, den ersten Dienstplan und die ersten Konflikte vorbereitet und auswertet. Möglich sind einzelne Termine, auch kurzfristig vor einem schwierigen Gespräch, ein festes Paket oder eine Begleitung über mehrere Monate. Zu Beginn vereinbaren Pflegedirektion, neue Leitung und Coach gemeinsam Ziele und Rahmen und je nach Auftrag auch, was die Einrichtung vom Verlauf erfährt. Vertraulichkeit ist dabei der Standard.
Quellen
- Boned-Galán, A., López-Ibort, N., Gascón-Catalán, A. (2023): Nurse Manager Span of Control in Hospital Settings. An Integrative Review. Nursing Reports, 13(4), 1577 bis 1592
- Deutsche Krankenhausgesellschaft (2024): DKG-Empfehlung für die Weiterbildung „Leitung einer Station/eines Bereiches“ vom 10.09.2024
- Hu, S., Välimäki, M., Liu, S. et al. (2024): Coaching to develop leadership of healthcare managers. A mixed-methods systematic review. BMC Medical Education, 24, 1083
- Lacerenza, C. N., Reyes, D. L., Marlow, S. L., Joseph, D. L., Salas, E. (2017): Leadership training design, delivery, and implementation. A meta-analysis. Journal of Applied Psychology, 102(12), 1686 bis 1718
Wo steht Ihre Klinik?
Sie möchten Ihre Führungs- und Kulturarbeit voranbringen? Lassen Sie uns über die nächsten Schritte für Ihr Haus sprechen, oder lesen Sie zuerst weiter im Praxisbuch.


