Wie wir Führung verstehen
Eine Stationsleitung fängt in dieser Woche den dritten Ausfall ab. Eine Oberärztin teilt sich die Verantwortung für die Assistenzärzte mit ihren Kollegen im Verbund, und wenn etwas schiefgeht, fühlt sich niemand zuständig. Beide sind für ihre fachliche Stärke befördert worden, nicht für ihre Führung.
Genau hier setzt unsere Führungsphilosophie im Krankenhaus an. Kultur entsteht durch das, was Führungskräfte jeden Tag tun, nicht durch Plakate im Aufenthaltsraum. Deshalb ist Kulturarbeit für uns Führungsarbeit. Führung ist lernbar, das belegt die Metastudie von Lacerenza und Kollegen (2017) mit Daten aus 335 unabhängigen Stichproben, und sie wird im Alltag gelernt, auf Station, in der Visite und in der Übergabe.
Hierarchie wollen wir nicht abschaffen. Steile Hierarchien gehören zum Krankenhaus, wir machen sie wirksam, mit Klarheit darüber, wer was entscheidet. Und wertschätzend heißt bei uns nicht weich. Wertschätzende Führung spricht Leistungsprobleme an und trifft auch unangenehme Entscheidungen.
Vier Merkmale tauchen in zukunftsfähigen Kliniken immer wieder auf. An ihnen richten wir jede Kulturarbeit aus, und an ihnen messen wir sie am Ende.
- Sinn- und Werteorientierung. Den Sinn muss im Krankenhaus niemand erfinden. Gute Führung legt ihn frei, statt nur über Verweildauern und Belegungsraten zu sprechen.
- Selbstorganisation und Empowerment. Entscheidungen rücken näher an die Station, ohne dass Verantwortung verwässert.
- Mitarbeiterorientierung. Wie es den Beschäftigten geht, ist Führungsaufgabe und nicht Sache der Personalabteilung. Menschen verlassen selten ein Krankenhaus, sie verlassen ihre Vorgesetzten.
- Anpassungsfähigkeit. Auf Reformen reagieren, ohne jedes Mal in den reaktiven Modus zu fallen, in dem der Alltag die Zukunft auffrisst.
Wie wir diese Haltung in einen Prozess übersetzen, beschreiben wir unter Kultur entwickeln. Warum ausgerechnet die Rolle der Oberärztinnen und Oberärzte so oft übersehen wird, erklärt unser Beitrag Führung im ärztlichen Dienst.